Samstag, 20. Juni 2009

Der zweite Ausflug: Três de Maio

Auch dieser zweite kleine Ausflug am 4.6. diente wieder nur Arbeitszwecken… Für diesen Ausflug nach “Dritter Mai”, das ist der Name der Stadt übersetzt, musste ich mal wieder früh aufstehen, da ich den Transfer der UNIJUUI nutzen wollte um nach Três de Maio zu kommen. Es gibt einen Minibus, der die Studenten von Ijuí zum Campus der UNIJUI in Santa Rosa fährt und Três de Maio liegt auf dem Weg von Ijuí nach Santa Rosa, etwa 80 km von Ijuí entfernt. Na ja, und dieser Minibus fuhr eben schon um 6:30 ab, zum Glück nur 5 Fußminuten von der Pensao entfernt.  …aber es war ganz schon kalt an diesem Morgen, so 0-1°C… ich zog mit meiner kompletten deutschen Winterausrüstung los.

Das Interview in der COTRIMAIO, der Genossenschaft von Três de Maio hatte ich für 10:30 Uhr vereinbart, ankommen in Três de Maio tat ich um 7:40 Uhr… und es war immer noch kalt. Zum Glück hatte ich schon auf dem Weg von der Fernstraße ins Zentrum des 24.000-Einwohner-Städtchens eine Bäckerei ausgemacht, die Padaria Schneider, wo ich mir erst mal ein langsames Frühstück aus einem Milchkaffe und einem Schinken-Käse-Sandwich (das heißt hier torrada [tohada, “Getoastete”] und in dem Rest von Brasilien, den ich kenne, misto quente [misto kentsch, “heißer Gemischter”] für umgerechnet etwa 0,90€ gönnte. Aber auch damit brachte ich nicht mehr als eine Stunde rum. Zumindest war jetzt aber schon die Uhrzeit, zu der die Läden in der Stadt, die für ihre Größe doch recht viele und nette und Läden hatte, öffneten und so nutzte ich die Chance um ein bisschen zu bummeln und das ein oder andere, das ich sowieso gerne kaufen wollte, besorgte. Bei der Gelegenheit informierte ich mich denn auch, wie ich am besten zu der COTRIMAIO käme, denn wenn ich schon so viel Zeit hatte, brauchte ich mir ja nicht unbedingt ein Taxi nehmen um dorthin zu kommen und allzu weit konnte es bei der Größe der Stadt ja eh nicht sein. Und so war es denn auch. Obwohl die COTRIMAIO am Ende der Stadt lag und ich so langsam lief, dass ich fast rückwärts lief, brauchte ich nicht mehr als 20 oder 25 Minuten um dorthin zu kommen.

Glücklicherweise sind die Leute in Brasilien ja recht flexibel und so konnte das Interview zeitlich ein wenig vorgezogen werden. Dieses Interview führt ich sogar gleich mit zwei Personen der COTRIMAIO, Marcos und Joao Carlos. Eigentlich wollte ich nur einen und auch meine Methodologie ist nur für einen Interviewpartner gedacht, aber der zweite kam dann nach einigen Minuten eben noch hinzu und da wollte ich nicht sagen: “Nee, mit dir will ich nicht reden.” Und im Endeffekt war es sogar gut, denn Joao, der als zweites kam, war schon etwa 10 Jahre dienstälter als Marcos und hatte so einiges mehr zu erzählen. Die Tage habe ich auch eine Zeitschrift bzgl. Soja gelesen und darin wurde Joao an einigen Stellen zitiert. Ohne es zu wissen habe ich also mit einer quasi-Prominenz gesprochen ;)

Nach dem Ende des Interviews fragte ich nach der Uhrzeit für den nächsten Bus nach Ijuí und nach einem kurzen Anruf bei der Rodoviária von Três de Maio erhielt ich die Info: 15 Uhr   …und zu diesem Zeitpunkt war es gerade  11:30 Uhr… Also nochmal Zeit vertreiben…. Und dabei schließen die Läden hier in der Region auch noch so gut wie alle brav in der Mittagszeit von 12 bis 13:30 Uhr… Gut,  also erst mal Mittagessen in einer andern Bäckerei, die auf dem Weg ins Stadtzentrum lag. Dann zur Rodoviária und schon mal das Ticket kaufen (und sichergehen, dass es auch tatsächlich noch so lange bis zum nächsten Bus dauern würde, was denn auch so war…) und dann ein bisschen in der Sonne auf einer Bank chillen und ein paar SMS nach Deutschland schreiben. Mittlerweile war es auch ganz schön warm geworden (etwa 17 Grad im Schatten und praller Sonnenschein) und ich schwitzte mir fast einen ab mit meinem Wintermantel, aber mich über Sonne und Wärme zu beschweren, wäre so ziemlich das letzte, was ich tun würde. Als die Läden dann wieder öffneten, nutzte ich die Gelegenheit schon mal ein paar Mitbringsel zu kaufen :)  …und natürlich auch das ein oder andere für mich *g*
Insgesamt ist Três de Maio eine sehr gepflegte Stadt und noch sicherer als Ijuí (man sieht das immer daran, wie viel Zaun etc. oder auch nicht um die Häuser herum montiert ist und in Três de Maio gab es davon so gut wie gar keinen), und so genoss ich die kleine Shoppingtour. Und da die Stadt so klein war, war es auch echt einfach sich hier zurechtzufinden. Das einzige, was hier gefährlicher war als in Ijuí, waren die Autos… in Ijuí halten die Autos, an den Zebrastreifen, die es im Zentrum gibt und nehmen auch sonst ein wenig Rücksicht auf die Fußgänger. In Três de Maio werden Zebrastreifen hingegen als Stadtverschönerungsmaßnahme betrachtet und die Fußgänger, ja die werden sich schon in Luft auflösen, wenn die da mitten auf der Straße sind und man unerwartet um die Ecke geschossen kommt. Man muss nur ordentlich auf sie zuhalten, dann erledigt sich das schon…

Nachdem mein Bus um 15 Uhr denn endlich abgefahren war, brauchte er ca. 2 Stunden um die 80 km bis Ijuí hinter sich zu bringen, denn er hielt alle paar Kilometer an, sowas wie die Regionalbahn auf Reifen.

Von Três de Maio hab ich leider keine Bilder gemacht, dafür aber ein Landschaftsbild aus dem “Regional-Express-Bus”

03 paisagem 

Am folgenden Freitag (5.6.) führte ich dann noch ein weiteres Interview in Ijuí, wieder mit einer recht prominenten Figur: Mit Rui, der seit ca 20 Jahren der Präsident der FecoAgro ist, dem Dachverband der Genossenschaften von Rio Grande do Sul (nicht aller, aber doch der meisten Genossenschaften). Unter der Woche residiert er in der 450km bzw. 6-7 Stunden entfernten Bundesstaatshauptstadt Porto Alegre, hat aber seinen eigentlichen Wohnsitz in Ijuí (welch ein Glück für mich :) ) und, natürlich, ist er mit meinem Betreuer Walter befreundet (wie schon mal gesagt, Walter kennt Gott und die Welt in dieser Branche).

…und noch mehr Interviews

Diese erste Juni-Woche war bisher die kälteste Woche, die ich hier erlebt habe. Nachts / morgens zwischen 0 und 3 Grad, tagsüber zwischen 8 und 13 und eben keine große Möglichkeit vor den Temperaturen zu flüchten. Man kann sich nachts zwar schön zudecken und ne Wärmeflasche mitnehmen (die ich mir diese Woche zugelegt habe), aber das hat eben auch seine Grenzen, nämlich unterhalb des Kinns. Und so wacht man denn mit diesen Temperaturen morgens immer mit ein bisschen Halsschmerzen auf, die sich aber nach dem Frühstück mit heißem Kaffee wieder geben.

Diese Woche begann am Montag (1.6.) mit einem Interview mit Seu Modesto, einem Sojagroßproduzenten mit an die 500 Hektar Land. Der war eine superherzliche Person und total nett und das obwohl ich aus seinem Namen immer “Domesto” statt “Modesto” machen wollte und obwohl ich ihm eben mal 10 Jahre zu viel gegeben hatte (am Anfang des Interviews frage ich immer das Alter der Interviewpartner ab und auf Portugiesisch verwechsle ich öfter mal die Sechzig mit der Siebzig und so notierte ich denn 74 statt der wirklichen 64 Jahre… ups! Aber er scheint’s mir nicht über genommen zu haben :) ). Aber er war restlos begeistert von genmanipulierter Soja und von dem Sojaanbau generell und sah das alles ganz optimistisch.
Und er war bisher auch bei weitem nicht der Einzige, der Gensoja toll fand. Die große Mehrheit fand das eigentlich ne ganz gute Sache, mit gewissen Einschränkungen natürlich, aber insgesamt sehen sie das als etwas Positives. Und na ja, man unterhält sich also, als kleine angehende Umweltwissenschaftlerin, mit diesen Leuten, die Gensoja total toll finden und kannst diese Leute noch nicht mal abscheulich finden, weil es im Grunde herzensgute Menschen sind, wenn man sie so kennenlernt. Und die, mit denen ich bis jetzt gesprochen habe, vertreten auch alle nicht die Interessen von Monsanto & Co, sondern machen das eben aus anderen Gründen, vor allem eben weil die Produktion der Gensoja (immer noch) günstiger ist als die von konventioneller Soja und der Verkaufspreis ist der gleiche, egal ob für konventionelle oder Gensoja... und manche argumentieren sogar damit, dass es besser für die Umwelt ist, weil eben nicht mehr 5 verschiedene Hammer-Herbizide angewendet werden müssen sondern eben "nur" noch Round-up / Glyphosat.
Das hat mich eine Zeit lang beschäftigt, denn sonst stellt man sich die Landwirte, die genmanipulierte Kulturen anpflanzen, als "böse Menschen" vor und dann lernt man diese Leute kennen und merkt, dass da nichts Diabolisches an ihnen dran ist. Es gibt andere Gründe, warum sie die Gensoja anbauen und wenn diese Gründe nicht gut wären, dann würden die Landwirte auch nicht den Fakt in Kauf nehmen, dass sie sich in die Hand der Multis geben.
Übrigens wurden hier allerdings ein paar Vorsichtsmaßnahmen getroffen: In der FUNDACEP, so ziemlich der größten Agrarforschungseinrichtung von Rio Grande do Sul, werden jedes Jahr aufs Neue die konventionellen Sojasorten angebaut und die Samen geerntet, auch wenn diese Samen im Moment so gut wie niemand haben will, um die genetischen Ressourcen zu erhalten für den Fall das Monsanto die Latte der Abgaben (“Royalties”) für die Nutzung “ihres” Gens der Roundup-Ready-Soja oder auch für ihr Totalherbizid Roundup zu hoch hängt oder sonstige Probleme auftreten. Auf diese Weise kann, zuallermindest in der Theorie, wieder zum konventionellen Sojaanbau zurückgekehrt werden.
Es gibt ja auch den Einwand, dass sich das Erbgut der genmanipulierten Pflanzen mit denen der wildwachsenden Pflanzen bzw. der der einheimischen Sorten der Pflanzen vermischen könne , was im Prinzip auch richtig ist (z.B. ist das nämlich mit Bt-Mais in Mexiko passiert und das obwohl dort noch nicht mal Bt-Mais angebaut, aber dennoch aus den USA importiert und dort verkauft wird....) Nur im Falle von Soja in Brasilien bzw. in Südamerika ist dieses Risiko recht gering, denn die aus China stammende Soja ist hier sowieso keine native Pflanze und hat hier in der Natur auch keine nahen Verwandten, in die sie sich “einmischen” könnte. Gut, aber das ist nur ein Manko, dass man im Falle der Gensoja in Brasilien ausklammern kann.
(Wen's interessiert: hier gibt's eine Doku von Arte über Monsanto, seine Pflanzenschutzmittel und Genmanipulation)
Ach ja, und glaubt euch bloß nicht sicher vor der Gensoja, die hier produziert wird. Europa ist, neben China, der größte Abnehmer der brasilianischen Soja und die Viehzucht (und dabei ist jegliches Vieh gemeint: Rinder, Schweine, Hühner) in Niedersachsen ist auch ganz groß dabei... Allerdings ist es nur hier in Rio Grande do Sul so, dass nahezu 100% der Landwirte Gensoja anbauen. In Mato Grosso, dem Bundesstaat mit der größten Sojaproduktion in Brasilien, werden bisher etwa “nur” 50% der Sojaanbauflächen mit Gensoja bebaut. Tendenz jedoch steigend….

Am Mittwoch (3.6.) war ich richtig fleißig, da hab ich sogar gleich 2 Interviews geführt: Vormittags mit Júlio, dem Landwirtschaftssekretär der Stadt Ijuí. Dieses Interview war auch sehr nett und interessant und Júlio auch ein sehr aufgeschlossener Mann. Nachdem Interview haben wir sogar noch ca. 1 Stunde weitergequatscht (wobei ich da die ganze Zeit dachte, dass ich dem guten Mann die Zeit raube, aber es war auch hauptsächlich er, der redete, insofern…). Und am Nachmittag dann mit Volnei von der EMATER/RS Regional, deren Büro glücklicherweise auch nur 300m entfernt von meiner Pensao liegt (für die anderen Interviews musst ich nämlich meistens fast die ganze Stadt durchqueren). Die Emater ist eine private Firma, die jedoch vom Bundesstaat dafür bezahlt wird die Landwirte zu beraten und ihnen Know-How zu vermitteln. Das Interview mit Volnei war eines der Interviews ,bei denen ich am meisten dazugelernt und verstanden habe, weil er superviel erklärt hat, vor dem Interview und nach dem Interview und auch von ihm hab ich ein Büchlein zu meinem Thema bekommen :) und auch mit ihm hab ich nach dem Interview noch ein bisschen gequatscht. Viele meiner Interviewpartner sind doch recht neugierig, wie das denn so ist in Deutschland oder erzählen mir von den Sachen, die sie gemacht haben, als sie schon mal in Deutschland waren.
Ich könnte jetzt auch nochmal wiederholen, dass auch Volnei supersympathisch war, aber ich belasse es jetzt einfach mal dabei zu sagen, dass die meisten Leute, mit denen ich Interviews geführt habe, sehr interessante Personen waren (sonst wären sie wohl alle auch nicht in den Positionen, wo sie sind) und dass sie eigentlich alle nett waren. Das gilt jetzt den auch für die nächsten Personen, die im Folgenden noch genannt werden.

So und hier noch ein paar Fotoleins (auch wenn sie nicht zum Kontext passen):

Szene in der Nähe der Pensao
Die Sonne scheint hier eigentlich meistens, aber es wird halt nicht so wirklich warm, außer in der prallen Sonne, so wie man das sonst aus Brasiien kennt
04 perto da pensaoDas hier ist der “Speisesaal”. Als ich das Foto gemacht habe, war gerade Frühstück aufgedeckt (und ich war wohl so ziemlich die erste, die zum Frühstücken kam), deswegen steht der Tisch auch an der Wand, denn die Leute kommen sowieso nur tropfenweise zum Frühstück, da braucht man nicht so viel Platz. Zum Mittag- und Abendessen wird der Tisch dann weiter in die Mitte gezogen. Rechts sieht man auch die Fensterläden vom ursprünglichen Holzhaus, an das der Speisesaal und auch die Küche im Hintergrund angebaut wurden.

11 sala de café, almoco e janta

Und das ist Dona Ilses Küche, wo unser Essen immer gemacht wird.

12 cozinha da Dona Ilse

Der erste Ausflug: Santo Cristo

Und am Samstag (30.5.) musste ich auch schon wieder früh aufstehe, richtig früh sogar, denn um 7 Uhr morgens holten mich Sidnei und seine Frau Marlene mit dem Taxi ab. Wir fuhren zur Rodoviária, wo wir um 7:20 den Bus nach Santo Cristo nehmen wollten, der dann um 7:50 auch endlich kam. Gut 2,5 Stunden später standen wir dann vor dem Haus von Sidneis Eltern in Santo Cristo,  einer 14.000 Einwohner-Stadt (14.000 wenn man die im Umland wohnenden Menschen mitzählt), welche etwa 120 km von Ijuí und nur etwa 40 km von der argentinischen Grenze entfernt liegt. Hier wurden wir von Sidneis Mutter Ilse in Empfang genommen. Das Haus hatte eine etwas seltsame Aufteilung, z.B. kam man von der Garage direkt ins Wohnzimmer. Das lag aber daran, dass das Haus nach und nach so gewachsen war. Ursprünglich handelte es sich bei dem Haus um eines dieser alten und typischen Holzhäuser dieser Region hier und ursprünglich stand es auch gar nicht an diesem Platz. Es war früher das Haus des Lehrers einer der Schulen im Umland. Die Schule wurde irgendwann aufgrund von Schülermangel geschlossen (die Folgen der Landflucht) und so wohnte auch kein Lehrer mehr in diesem Haus. Sidneis Vater entschloss das Haus zu kaufen, wollte aber ungern an dem Ort wohnen, wo das Haus stand. Also wurde das Haus flugs auf einen LKW gepackt und nach Santo Cristo an seinen jetzigen Standort bugsiert. Von Nutzen hierbei war, dass diese Holzhäuser immer schon so konstruiert wurden, dass man sie problemlos in 2 Hälften aufteilen konnte (die Zimmer in der Mitte wurden also durch 2 Wände getrennt, je eine Wand gehörte zu je einer Haushälfte). Und nach und nach wurden dann noch alle möglichen Teile an das Haus drangebaut, so dass das Holzhaus von außen fast nicht mehr sichtbar ist.
Innen war das Haus ziemlich vollgestopft mit bemalten Küchentüchern und Tupperdosen, Häkeldeckchen und Handtüchern mit Spitzen- oder Häkelborde. Diese Dinge herzustellen, darin üben sich die Frauen hier in der Region sehr gerne und auch wenn es für uns (Deutsche) ziemlich kitschig wirken mag, die Leute hier finden das total hübsch und sind restlos von solchen Sachen begeistert. Sogar Sidnei, also ein Mann, erzählte mir ganz begeistert, dass seine Mutter ihm und seinem Bruder je einen Vorleger gehäkelt habe (Respekt, ich bekomm noch nicht mal nen Topflappen hin….) und wie toll dieser doch sei. Na ja, andere Länder, andere Sitten  ….und Geschmäcker. So ist es hier auch so, dass die brasilianischen Frauen teils Klamotten und Accessoires toll finden, die bei uns nur 13-Jährige benutzen würden, weil sie für den Rest zu lila, rosa, pink und blumig-kitschig für unseren Geschmack wären.

Das Wetter war an diesem Wochenende richtig mies, erinnerte an November in Deutschland, nur einen Tick wärmer. Es regnete fast die ganze Zeit, der Himmel war mit dicken, grauen Wolken verhangen und die Tagestemperaturen bewegten sich müde um die 10 Grad herum (bitte immer bedenken, dass es in den Häusern nicht wesentlich wärmer ist. In Deutschland würde ich auch über 10 Grad lachen, aber hier ist das was anderes). Gut, aber ich war ja eigentlich auch nicht aus touristischen Gründen gekommen, sondern der Arbeit wegen. Sidnei hatte 3 Interviews mit Leuten von hier für mich vereinbart. Das war überaus nett von ihm, denn über Walter, meinen Betreuer hier, hatte ich fast ausschließlich Kontakte in Ijuí und es geht mir ja um die ganze Region hier und nicht nur um Ijuí.
So stand bald nach unserer Ankunft auch schon der erste Interviewtermin in der örtlichen Filiale der Genossenschaft COTRIROSA an, wo Sidneis Vater Neri auch arbeitet und die praktischerweise auf der anderen Straßenseite lag. Hier redete ich mit Luciana, der Geschäftsführerin der Filiale. Das war das erste Interview, bei dem ich etwas mehr nachfragen und zum Reden anregen musste, da Luciana nicht auf jede Frage mit einem 5 bis 10-minütigem Monolog reagierte. Aber ich würde sagen, es war ein gutes und lockeres Interview (mitlerweile hatte ich ja auch schon ein bisschen Übung bekommen :)   ), auch wenn es etliche Male durch Telefonanrufe und hereinkommende Leute unterbrochen wurde, aber ich meine, letztlich halte ich die Leute ja von ihrer Arbeit ab… Und die Tonqualität der Aufnahme ist wohl auch nicht so die beste, weil der Regen die ganze Zeit lautstark auf das Dach trommelte…

Luciana und ich beim Interview. Man beachte die Anwesenheit des Chimarrão und meines WINTERmantels ;)01 Sarah e Luciana

Auch wenn man’s ihr nicht unbedingt ansieht, Luciana ist deutscher Abstammung (heißt mit Nachnamen Talheimer Heinen).

Nach dem Mittagessen bei Sidneis Eltern und ein paar Runden Chimarrao und Gesprächen vor dem Fernseher ging es eine kurze Autofahrt zusammen mit Sidnei, Marlene und Sidneis Eltern aus Santo Cristo hinaus in das Umland zum Hof von Sidneis Tante Leni, Sekretärin (NICHT im Sinne von Sachbearbeiterin!) des Sindicato de Trabalhadores Rurais de Santo Cristo.

Ich zusammen mit Neri & Ilse und natürlich mit Chimarrao :)

07 Sarah com Ilse e Neri

Vor der Arbeit das Vergnügen und so wurde vor dem Interview erst mal ne Weile ausgiebig gequatscht und noch ein paar Runden Chimarrao getrunken. Schließlich war’s ja auch ein kleines Familientreffen. Bei den Gesprächen flogen auch ab und zu mal ein paar Deutsche bzw. Hunsrücker Worte durch die Luft, denn auch Sidneis Familie ist deutschstämmig. Leni ist eine total nette und freundlich-fröhliche Person und so war das Interview mit ihr auch sehr nett. Sie war etwas nervös, weil sie nicht daran gewöhnt war Interviews zu geben, so dass ich zwischendurch öfter mal die Aufnahme anhalten musste. Ich habe sie eigentlich in ihrer Funktion als Vertreterin des Syndikats der Kleinbauern und Landarbeiter befragt, aber da sie selbst Landwirtin auf kleiner Fläche ist, kam auch das teilweise zur Sprache. Sie selbst baut auch Soja an und auch genetisch manipulierte. Es war aber keineswegs so, dass sie das tat, weil sie von dieser Soja überzeugt war, im Gegenteil, sie machte sich viele Gedanken um die potentiellen Gefahren genetisch veränderter Kulturen auf die Gesundheit des Menschen. Ihr Hauptgrund für den Anbau der Roundup-Ready-Soja war der Mangel an Arbeitskraft aufgrund der Landflucht in der Region. Und transgene Soja macht eben doch wesentlich weniger Arbeit als konventionelle…

Nach dem Interview gab’s dann nochmal Chimarrao und Kuchen und Kekse und ein Foto von Leni und mir

03 Sarah e Leni bevor wir weiter zum Hof von Sidneis Großmutter und Onkel Ivo fuhren, mit dem ich ein Interview in seiner Funktion als Kleinbauer führen sollte / wollte. Als wir auf dem Hof ankamen, war Ivo jedoch noch nicht mit seinem Tagewerk fertig und so hielten wir erst mal ein Schwätzchen mit Sindeis Großmutter. Diese war als Kind von deutschen Immigranten in Brasilien geboren worden und noch auf Deutsch alphabetisiert worden. Und so unterhielten wir uns denn auch die ganze Zeit am Anfang, als Sidneis Frau Marlene, die kein Deutsch spricht, noch etwas zusammen mit Sidneis Tante erledigte, auf Deutsch. Na ja, so wirklich Hochdeutsch war es nicht, was Sidneis Großmutter da sprach sondern eher Hunsrücker Dialekt (vor allem aus dem Hunsrück sind damals viele Deutsche nach Rio Grande do Sul emigriert und außerdem war der Dialekt von Sidneis Großmutter dem Pfälzischen, also “meinem” Dialekt, sehr ähnlich, so dass es nahe liegt, dass auch eine räumliche Nähe der Ursprungsregionen der Dialekte vorliegt) in den sie auch so ein kleines bisschen Portugiesisch eingeflochten hat. Aber insgesamt war sie sehr gut zu verstehen (…außer vielleicht für eine(n) Norddeutsche(n), aber für alle anderen Deutschen schon ;)   )   Bei Sidneis Eltern und Sidnei selbst war das allerdings schon wieder ein bisschen was anderes. Deren Deutsch war hatte doch schon einige Veränderungen erfahren durch die Weitergabe durch die Generationen im portugiesischsprachigen Umfeld.
Auch das Deutsch von Sidneis Onkel Ivo war schon recht “portugisiert”, aber dennoch sprach er recht flüssig Deutsch, so dass ich vorschlug das Interview mit ihm auf Deutsch zu machen, wogegen er auch nichts einzuwenden hatte. Die Interviewführung hat das nicht unbedingt erleichtert, denn dadurch, dass ich alles bisher immer nur auf Portugiesisch gesagt hatte, hatte ich gar nicht das Deutsche Vokabular für diesen Bereich. Aber auf jeden Fall wird es mir die Nachbereitung erleichtern, denn natürlich fällt mir die Transkription eines deutschen Interviews leichter als die eines portugiesischen Interviews. Zunächst dachte ich mir auch, dass ich mir die Übersetzung sparen könnte, aber dazu sind doch ein bisschen zu viel portugiesische und Dialektausdrücke in Ivos Deutsch. Aber zumindest werde ich nicht jedes Wort und jeden Satz übersetzen müssen.

Ivo und ich beim Interview (ich weiß nicht, wie ihm NICHT die Füße abgefallen sind vor Kälte, nur mit den Fliflops…)

06 Sarah e Ivo

Mit Ivo als Interviewpartner hatte ich auch einen ganz schönen Glücksgriff gemacht, denn außer, dass er eine sehr intelligente und lustige Person ist, ist er ist ein Biobauer (und außerdem Lehrer) und baut auch seine Soja biologisch an. Von solchen Biosojabauern findet man heute in der Region hier nicht mehr allzu viele, vor allem seit der Einführung der genmanipulierten Soja. Vorher war für viele Landwirte der Anreiz Biosoja zu produzieren gewesen, dass diese zwar teurer und arbeitsintensiver in der Produktion ist, dies aber durch wesentlich höhere Verkauspreise der Biosoja als der konventionellen Soja mehr als ausgeglichen wird und so eine gute Gewinnspanne mit Biosoja erzielt werden kann. Mit der Einführung der transgenen Soja änderte sich das Bild jedoch, da diese mit weniger Arbeitseinsatz und geringeren Kosten zu produzieren ist und so auch bei geringerem Verkaufspreise als dem von Biosoja genug Gewinn abwirft. Tja, und sie ist halt leicht zu handhaben die genmanipulierte Soja…

Außer den Interviews passierte an diesem Wochenende dann auch nicht mehr besonders viel. Aber wer hat auch schon Lust bei Regen und Kälte irgendwas Großes vom Zaun zu brechen? So stand am Sonntag nur noch Ausschlafen unter 10.000 Decken und Churrasco zum Mittagessen auf dem Plan, bevor Sidnei Marlene und ich wieder zurück nach Ijuí fuhren.
Churrasco, also Gegrilltes, gibt’s bei den Gaúchos jeden Sonntag zum Mittagessen. Gut, einen gemauerten, festen Grill besitzt sowieso fast jedes Haus in Brasilien und in Rio Grande do Sul ist der Grill eben oft so platziert, dass man ihn auch bei schlechtem Wetter, also im Winter, benutzen kann. Im Fall vom Haus von Sidneis Eltern war das in der Garage. Die Brasilianer sind generell alle große Grill-Fans, aber das Churrasco Gaúcho ist angeblich das beste von allen und es ist auch tatsächlich sehr lecker. Und man kann das Fleisch auch besseren Gewissens essen, denn die Rinder hier haben wenigstens wirklich ein Rinderleben und verbringen ihr Leben auf der Weide. Für diese Weiden werden, zumindest hier in Rio Grande do Sul, auch keine Wälder abgeholzt, denn die Viehzucht befindet sich hauptsächlich als extensive Viehwirtschaft auf den natürlicherweise vorkommenden Grasflächen der Pampas im Süden des Bundesstaates.

Donnerstag, 18. Juni 2009

Interviews, Interviews, Interviews ...und Chimarrão

Tja, diese Woche drehte sich, wie die Überschrift schon sagt, fast alles nur um meine Interviews.

Am Montag (25.5.) ging’s mir nach 14 Stunden Schlaf nach dem Desaster vom Wochenende wieder soweit gut, aber so ein bisschen angeschlagen war ich noch und so ließ ich den Vormittag ruhig angehen (das ist der Vorteil bei freier Zeiteinteilung :) ), denn am frühen Nachmittag hatte ich meinen nächsten Interviewtermin, diesmal mit Prof. Argemiro [arschemihro], Dozent der Ökonomie an der UNIJUI. Der war selbst auch was angeschlagen, weil ihm am Vormittag ein Zahn gezogen worden war. Das hinderte ihn aber nicht daran sich fast 2 Stunden lang mit mir zu unterhalten und dabei 98% des Redeparts zu übernehmen, während des eigentlichen Interviews sogar 99% (geht ja beim Interview schließlich auch um das, was die interviewte Person denkt, nicht darum, was ich denke). Argemiro hat insofern was mit Sojaanbau zu tun, als er ständig Marktanalysen, nicht für Soja, sondern auch Weizen und Mais macht und die Ergebnisse dieser Analysen kostenlos zugänglich macht. Für die Bauer sind diese Infos extrem wertvoll, da sie auf der Grundlage dieser Analysen entscheiden können, wann sie denken, dass sie ihre Produktion am Besten verkaufen können. Nach dem Interview fragte ich Argemiro, ob er mir ein paar Tipps geben könne, wo ich noch Literatur über die neuere Geschichte des Sojaanbaus in der Region finden können. Statt Tipps gab er mir ein von ihm über dieses Thema geschriebenes Buch zum Geschenk. Sehr großzügig! Und praktisch :)

Das nächste Interview hatte ich am Mittwochmorgen (27.5.) mit Luiz, dem Vize-Präsidenten der COTRIJUI (Genossenschaft von Ijuí), der dieses Amt auch schon seit 12 Jahren bekleidet. Bemerkenswert ist, dass Luiz selbst “nur” ein Kleinbauer mit etwa 25 ha Land ist. Seiner Aussage nach ist es eher selten, dass ein Kleinbauer ein so hohes Amt in einer Genossenschaft innehat, da sie bei den großen Produzenten nicht so gut angesehen sind, da sie tendenziell ja doch etwas weniger gebildet sind und eine einfachere Sprache sprechen als die “Großen” und die Großproduzenten dann doch lieber jemanden aus ihren Reihen im Vorstand sehen.
So ein Vize-Präsident ist natürlich immer viel beschäftigt, mehr noch, wenn der Präsident selbst gerade nicht da ist und der Vize-Präsident so dessen Aufgaben mit übernehmen muss. So hatten wir planmäßig nur eine halbe Stunde Zeit, zum Schluss wurden es dann aber doch 45 Minuten, da sich der nächste Besucher verspätete. Gut, aber das half mir nicht so viel weiter, denn Luiz redete schon von sich aus fleißig los, über Gott und die Welt, ohne dass ich überhaupt was gefragt hatte… Allein für den Vortrag über Gott und die Welt gingen also schon mal 10-15 Minuten drauf. Dann konnte ich endlich mein Aufnahme beginnen und meine erste Interviewfrage stellen. Auf diese Frage hin redete Luiz dann aber auch munter drauf los, was ja an sich gut ist, die Leute sollen ja reden, aber er hörte auch so schnell nicht mehr mit dem Reden auf… Gut, ich gab dann irgendwann meine Methodologie, die ich normalerweise auf die Interviews anwende (dazu gehört ein bestimmter Satz an Fragen und außerdem noch das gemeinsame, schrittweise Ausfüllen eines Bogens), etwas verzweifelt weitgehend auf, da mir Luiz nicht mehr wirklich die Chance zum Fragen anderer Fragen gab, da er eben so fleißig vor sich hinplauderte. Gut, was er gesagt hat, das kann ich trotzdem verwenden, da war trotzdem viel für mich relevantes dabei, aber so ganz regelkonform war es denn eben nicht. Aber halb so wild.
Was noch etwas erschwerend dazu kam, war die doch sehr undeutliche Aussprache von Luiz. Ich hab das meiste doch schon verstanden, aber die Transkription des Interviews war, trotz dass es nicht so lange war, doch ein ganzes Stück Arbeit (sogar Daniel hat manches von den Sachen, die ich nicht identifizieren konnte, nicht verstehen können…)

An Diesem Mittwochabend bin ich Feli und Nádia zum Chimarrão-Trinken, Popcorn-Essen und Schnaken besuchen gegangen.
Was ist Chimarrão? Chimarrão ist sowas wie das Nationalgetränk der Gaúchos, also der Bewohner des Bundesstaates Rio Grande do Sul. Und man kann durchaus Nationalgetränk sagen, denn erstens wird der Chimarrão in Brasilien fast ausschließlich in Rio Grande do Sul getrunken und zweitens fühlen sich die Gaúchos mehr als Gaúchos als als Brasilianer (ein bisschen wie die Bayern in Deutschland; man sieht das auch daran, dass die ganze Stadt am Brüllen und Gröhlen und Feuerwerke Loslassen ist, wenn “Inter” oder “Grêmio”, die beiden hochrangigen Fußballteams von Rio Grande do Sul, ein Tor schießen. Bei Länderspielen der brasilianischen Seleção bleibt die Stadt hingegen ruhig…). Wie auch immer, der Chimarrão begleitet die Gaúchos immer und überall, ob in der Uni in den Vorlesungen, bei der Arbeit, sogar im Fitnessstudio oder auf Wanderungen (wenn sie sonst nichts mitnehmen, aber der Chimarrão und die zugehörigen 2 Liter heißes Wasser in der Thermokanne müssen sein). Ganz kurz gefasst könnte man den Chimarrão als Mate-Tee bezeichnen. Aber ist nicht einfach nur Mate-Tee. Es gehört ne ganze Menge an Bräuchen und speziellem Zubehör dazu. Zunächst braucht man als Trinkgefäß die cuia, ein aus einer Kalebasse hergestellter “Becher”. Dazu kommt noch die bomba, ein Strohhalm aus Metall mit abgeflachtem Mundstück an einem und einem Sieb am anderen Ende. Beide Zubehörteile sind in der Regel noch verziert und ausgeschmückt. Dann das Wichtigste: die erva mate, das Mateblätter-Pulver. Davon kommt ne ganze Menge in die cuia und wird auf eine bestimmte Weiße festgedrückt, so dass es sich vertikal statt horizontal in der cuia festsetzt. Man steckt die Bomba dazu, füllt das Ganze mit kaltem Wasser auf (das soll der “Konstruktion” mehr Festigkeit verleihen), zieht das kalte Wasser durch den Strohhalm wieder ab und spuckt dieses Wasser wieder aus. Es enthält nämlich noch jede Menge loses Mate-Pulver und kalter Tee ist sowieso nicht so der Renner, ne? Danach ist der Chimarrão soweit einsatzbereit. Man füllt ihn also mit heißem Wasser auf und dann beginnt der “Spaß”. Den ersten Chimarrão drinkt immer die Person, die ihn zubereitet hat (ich erklär mir das als Garantie dafür, dass das auch kein Gift drin ist), aber danach geht der Chimarrão reihum und wird von allen Anwesenden Personen konsumiert. Ja, alle mit dem gleichen “Strohhalm”. Es gibt auch eine Reihe von Regeln, die beim Trinken des Chimarrão zu beachten sind:

  1. Nicht um Zucker bitten.
  2. Sich nicht darüber beschweren, dass es unhygienisch sei, wenn alle aus dem selben Gefäß mit dem selben Trinkhalm trinken.
  3. Sich nicht darüber beschweren, dass der Chimarrão zu heiß ist.
  4. Nicht die Hälfte übriglassen, sondern den Chimarrão immer ganz leer trinken.
  5. Sich nicht für das Schlürfgeräusch am Ende Schämen.
  6. Nicht mit der bomba im Chimarrão rumstochern.
  7. Nicht die Reihenfolge, in der der Chimarrão von einer Person an die nächste gegeben wird, ändern.
  8. Nicht mit dem Chimarrão in der Hand "einschlafen".
  9. Nicht den Hausherren dafür verdammen, dass er den ersten Chimarrão trinkt.

Aufgrund dieser ganzen Regeln fragen die Leute hier einen auch, ob man schon “gelernt” hat Chimarrão zu trinken anstatt einfach zu fragen, ob man schon mal einen getrunken hat. An den Rezeptionen in Rio Grande do Sul, wo im restlichen Brasilien immer eine Kanne mit Kaffee bereitsteht, so dass sich die Besucher einen cafezinho, einen kleinen Kaffee, gönnen können, steht in Rio Grande do Sul zusätzlich / ausschließlich ein betriebsbereiter Chimarrão und eine Thermokanne mit heißem Wasser.

und das ist mein erster selbstgebastelter UND funktionierender Chimarrão. Ja, ganz so einfach ist das nämlich nicht denn zu machen. Oft sieht man es auch, dass die Leute ein kleines Figürchen zur Verzierung auf diesen grünen Teil aus Mate stecken. Sehr putzig.12 meu primeiro chimarrao de verdade!

Aber wenn’s kalt ist, ist so ein Chimarrão auf jeden Fall eine feine Sache :) (wobei die Gaúchos ihn auch bei 40 Grad im Schatten trinken)

…und mit diesem Abend ging dann auch der wohl letzte warme Tag zu Ende, denn bereits auf dem Rückweg von Feli und Nádia, die nur etwa einen halben km von meiner Pensao entfernt wohnen, war es ziemlich kühl und das hat sich seitdem auch nur unwesentlich geändert. Winteranfang also. Aber na ja, ich bin froh, dass es überhaupt noch so lange warm und sommerlich hier in Südbrasilien war.

Am Donnerstag (28.5.) musste ich denn auch früh aufstehen, für das nächste Interview mit Carlos vom Sindicato de Trabalhadores Rurais de Ijuí, dem Syndikat der Landarbeiter und Kleinbauern (v.a. der Kleinbauern mit Familienbetrieben). Mit Carlos lief das Interview wesentlich besser als das vom Vortag mit Luiz. Insgesamt wirkte Carlos ein bisschen desinteressiert auf mich, auch wenn er viel erzählt hat, aber das mag auch einfach daran gelegen haben, dass er so langsam gesprochen hat (die Transkription seiner 50 Minuten Interviewaufnahme ergaben genauso viel Text wie die 38 Minuten von Luiz; die Transkription hat das sehr erleichter :) ). Und vielleicht hat’s auch an meinen, wie ich im Nachhinein bei der Transkription festgestellt habe, teils recht idiotischen Nachfragen… War halt doch etwas spät gewesen, als ich von Feli nachhause kam und die Aufmerksamkeit entsprechend nicht ganz so üppig… Musste mich sogar zurückhalten während des Interviews nicht zu gähnen… peinlich.

Und am Freitagmorgen (29.5.), an dem es ganz schön kalt war, so etwa 4 Grad…, folgte dann auch direkt das Interview mit Valdir, dem Präsidenten des Sindicato Patronal Rural de Ijuí, dem Syndikat der Landwirte mit großen und mittleren Betrieben (also mehr als 50 Hektar Land). Auch Valdir mochte das Reden gerne, hat mir am Anfang erst mal einen Einführung in die Entwicklung des Sojaanbaus in der Region gegeben und mir insgesamt meine längste Interviewaufnahme beschert (1:38 h) und dabei auch noch ganz schnell geredet (schätze ich werde 3 komplette Tage an der Transkription sitzen….), war dabei aber äußerst sympathisch. Und ich konnte auch alle meine Fragen stellen und alle Teile meiner Methodologie abhaken. Eigentlich hätten wir nur bis um 9.30 Uhr Zeit gehabt, denn dann hätte er zu einem anderen Termin los gemusst, aber das hat ihn nicht so sehr gestört und so war es 10:20 Uhr, bis ich aus seinem Büro kam. Nach dem Interview hat er mir dann noch einen Kuli und einen Schlüsselanhänger vom Syndikat geschenkt und auch meiner Bitte mich mit einem Soja-Großproduzenten für ein Interview in Verbindung zu bringen, kam er direkt nach und leitete das Ganze in die Wege.

Und hier noch ein paar mehr Fotos:

Mara, die 2 Nächte pro Woche in der Pensao wohnt und in der Schauspielgruppe der UNIJUI spielt, weshalb ich immer von den Aufführungsterminen erfahre :), und ich, als es noch warm war…

10 Mara e eu

Minikreisel gibt es nicht nur in Haßloch!! Die hier haben sogar noch ein “Wattestäbchen” in der Mitte drauf und haben den Verkehrsfluss tatsächlich verbessert…

02 mini rótula

Sonntag, 7. Juni 2009

Ein kleines Desaster

Am Samstagmorgen musste ich früh aufstehen, denn ich fuhr mit Tati zu ihrer Pneumatik-Vorlesung auf dem Campus der UNIJUI in Panambi (ihr erinnert euch an die Tanzgruppe aus Panambi? Ja, genau, die mit dem “Kavalier” ;)  ). Um 7:20 holte uns ein Kommilitone von Tati bei Tati zu Hause ab, d.h. aufstehen um 6:45 und das am Samstag und nach nur etwa 5:30 Stunden Schlaf, denn ich hatte bei Tati geschlafen und wie Mädels nun mal so sind, haben wir ewig lang gequatscht… Na ja, aber es ging.

Der Campus in Panambi ist wirklich winzig (ja, kleiner als alle Campi der Uni Lüneburg!) und im Vergleich zu der Bibliothek in Panambi ist die Bibliothek in Ijuí geradezu riesig (ich hab übrigens herausgefunden, dass in Ijuí doch tatsächlich über 160.000 Bücher ihren Platz gefunden haben! Wesentlich mehr als ich dachte): In Panambi passt die Bibliothek in ein größeres Zimmer…
Und stolz war ich auch auf mich, denn wider meiner Erwartungen hab ich in der Pneumatik-Vorlesung sogar was verstanden, besonders viel sogar im 2ten, praktischen Teil der Vorlesung, wo der Dozent ein pneumatisches System montierte, demonstrierte und erklärte. Aber auch im Theorieteil hab ich nicht nur Bahnhof verstanden, beschäftigte mich aber die erste Zeit damit mitzuzählen, wie oft der Dozent “no caso” (im Falle) sagte. Bei 150 hatte ich keine Lust mehr und da war noch nicht mal die Hälfte der Stunde um. Ja ja, ich weiß das sind Kindereien, aber für mich ging’s ja um nix und es ist eigentlich auch schon echt lange her, dass ich in einer “normalen” Vorlesung war (mehr als 1,5 Jahre schon. Hab die letzten Semester zwar noch immer das ein oder andere gemacht, aber das waren meist Sprachkurse oder irgendwelche Seminare).
An diesem Samstag bekamen die Studenten auch ihre Prüfung von der Vorwoche wieder. War nicht so wirklich gut, alle hatte 3,0 oder 4,5 oder sowas (von 10), aber Tati hatte wohl die beste Arbeit, mit 8,0  :)  (aber der Dozent bewertete auch wirklich streng…)

Für Samstagabend hatten Tati und ich große Pläne: Freibier-Party im Absoluto, DER Disko here in town und nur 5 Fußminuten von meiner Pensao entfernt. Die Karten hatten wir bereits für nur R$ 15 (ca 5€) im Vorverkauf erworben (wären wir Jungs, hätten wir R$ 25 bezahlt. In Brasilien ist es fast Standard, dass die Männer mehr bezahlen als die Frauen). Um die Sache zu vereinfachen, hatte ich Dona Ilsa gefragt, ob Tati an diesem Abend in der Pensao übernachten könne, da sie doch ein ganzes Stückchen weiter entfernt wohnt, und das war kein Problem und zwei Betten hab ich ja sowieso schon im Zimmer :)
Ziemlich zu Beginn der Party lernten wir zwei Mädels im Alter von ungefähr 16 oder 17 Jahren kennen (überhaupt war der Großteil des Publikums unter 20…). Zuerst war ich beeindruckt davon, wie nett die beiden waren: Zuerst boten sie uns bei ihnen am Tisch zu sitzen, als sie sahen, dass wir keinen Platz fanden, und später meinten sie: “Wir gehen jetzt tanzen. Wollt ihr mitkommen?” und da wir ja auch nur zweit waren, nahmen wir das Angebot gerne an. Aber dann, nach einer Weile bemerkten wir, dass die eine nur jemanden brauchte, den sie rumkommandieren kann (“Wir gehen jetzt was zu trinken holen. Kommt mit!” “Nee, hier ist es doof zu tanzen. Wir gehen jetzt dort rüber!”) Und die andere brauchte nur ein Anhängsel, damit sie nicht so verloren und allein aussah bei ihren Streifzügen durch die Disko auf der Suche nach einem Typen “para agarrar”, also zum Knutschen (Dafür hatte sie sich vor allem Tati ausgesucht).

An dieser Stelle ist vielleicht ein Einschub über das Verhältnis der Brasilianer zum Knutschen angebracht: Während man in Deutschland ja ne ganze, ganze, ganze Weile braucht, bis man jemanden küsst bzw. schon quasi seine Bereitwilligkeit auch zu anderen Dingen zeigt, wenn man jemanden direkt auf einer Party küsst, auf der man diese Person kennengelernt hat, läuft das in Brasilien ganz anders. Einer der Hauptzwecke von Partys ist es hier eigentlich mit mindestens einer Person zu knutschen (sofern man Single ist oder auch wenn man nicht allzu viel auf Treue gibt). Und je nachdem wie man (nee, eigentlich eher frau) drauf ist, müssen davor auch nicht viele Worte gemacht werden. Aber oft wollen die Mädels doch zumindest ein bisschen umworben werden, wohingegen viele Männer darauf hoffen mit “Hallo, wie geht’s? Ich würde dich sooooo gerne küssen.” zum Ziel zu kommen. Gut, aber im Gegenzug, dass sie so schnell mit dem Küssen dabei sind, bleibt es im Normalfall auch nur beim Küssen. Es wird auch leidenschaftlich geküsst und alles, aber die Hände benehmen sich. Mit allem Anderem würde Mann eine Ohrfeige riskieren. Ja, und so ein Kuss ist hier auch total unverbindlich. Nachdem man eine Person geküsst hat, sagt niemand was dagegen, wenn man noch 2 oder 3 oder 4 andere küsst. Mit so einem Verhalten würde man in Deutschland direkt als Schlampe / Arschloch kategorisiert. Hier ist man eben jemand, der sich vergnügt. Das führt dann auch oft zu Missverständnissen, wenn Brasilianer(innen) nach Deutschland kommen (und ich glaube hier kommt auch das Klischee her das Brasilianerinnen schnell in die Kiste springen würden): Die Brasilianerin küsst einen deutschen Mann in der Disko, mit aller Hingabe, so wie sie’s aus Brasilien kennt, denkt aber an nix weiter. Der deutsche Mann denkt: “Oh, da geht was heute Abend!” und schickt auch bald seine Hände auf Wanderschaft, woraufhin er von der Brasilianerin eine Ohrfeige und ein “Was denkst du von mir??” erntet und sie sich empört von ihm abwendet.
Ebenso gibt es auch Unterschiede in der Art und Weise, wie es zu Beziehungen kommt. In Deutschland beginnt eine Beziehung eher konkludent: Man geht mehrmals zusammen aus, irgendwann kommt es dann zum Kuss und dann ist man eigentlich mehr oder weniger zusammen. Es wird kein Wort darüber verloren, sondern aus dem Verhalten abgeleitet, dass man jetzt zusammen ist. In Brasilien ist das anders: Da kann man mit jemandem zusammen ausgehen, auch oft, sich küssen und alles, aber bevor der Mann die Frau nicht fragt, ob sie mit ihm zusammen sein will, hat keiner der beiden weder Rechte noch Pflichten gegenüber dem anderen. Man macht also eine Art Probefahrt, bevor man sich festlegt.
Gut, natürlich bestimmen Ausnahmen die Regel, aber das ist eben, wie es meistens abläuft.

Gut, aber Tati und ich dachten uns, dass wir uns wirklich nicht von zwei Minderjährigen herumkommandieren lassen müssen und machten uns also aus dem Staub.

Tati und ich im Absoluto

IMG_1213 Ich mit den beiden seltsamen Mädels (die in der Mitte war die “Kommandantin” und die rechts diejenige, die immer nur jemanden zum Rumknutschen suchte)

IMG_1212 Kurze Zeit später entdeckten wir dann auch, dass das Bier, das ausgeschenkt wurde, abgelaufen war… Anfangs war das Bier direkt aus der Flasche in die Becher ausgeschenkt worden, aber irgendwann begannen sie kleine Bierflaschen auszuteilen und als wir in der Schlange für die Toilette standen, meinte ein Mädel zu uns, auf unsere Bierflasche deutend: “Trinkt das nicht, das ist abgelaufen!” Und tatsächlich, das Ablaufdatum auf der Flasche war schon seit einem Monat überschritten und als wir die Flasche gegen das Licht hielten schwammen da auch ein paar Flocken drin rum… Lecker… Also kein Bier mehr, aber da hatten wir auch nicht so viel dagegen und tanzten fröhlich weiter. Etwas später boten uns auch ein paar Jungs (welche die über 20 waren!) Smirnoff Ice an, was wir dann auch gerne als Ersatz annahmen. Ein bisschen misstrauisch war ich anfangs schon, denn nachdem ich einen Schluck aus der Flasche genommen hatte, wollte ich die Flasche an ihren Besitzer zurückgeben, damit dieser weiter trinken konnte, aber der lehnte ab und meinte, dass ich die Flasche behalten könne, weil er das Zeug nicht so gerne möge. Ich fragte mich warum er es dann überhaupt gekauft hatte… Ich bot ihm aber so lange wieder die Flasche an, bis er endlich auch was davon trank, denn ich dachte, wenn er auch was davon trinkt, kann nix drin sein, wenn nicht, dann werde ich Flasche wohl besser schnell wieder los. Aber da er dann auch was davon trank (oder vielleicht tat er auch nur so…), war ich beruhigt und so tranken Tati und ich fröhlich weiter mit den Jungs, die auch immer mehr und mehr Smirnoff Ice beischafften.
Gegen vier Uhr morgens kamen wir in die Pension zurück und kaum, dass wir dort angekommen waren, musste sich Tati auch schon übergeben und sackte ganz schön ab. Ich hatte hingegen keine Probleme, duschte meine eigenen Füße ab und machte auch Tatis Füße sauber (in der Disko war der Boden ganz schon eklig geworden, weil alle ihr warm gewordenes Bier auf den Boden kippten (brasilianisches Bier ist oberhalb von 5 Grad nicht mehr wirklich lecker)). Bäh!), steckte sie, als das Schlimmste vorüber war ins Bett und versorgte sie noch mit einem Kotzpott und Wasser, bevor ich mich selbst ins Bett begab. Mich überkam’s erst, als ich einige Stunden später aufwachte und auf die Toilette gehen wollte. Zunächst dachte ich: “Hmmm, doch ein bisschen übertrieben gestern Abend…. Na, dann wird dich die Toilette noch drei oder viermal rufen und dann wird’s gut sein.” Aber es blieb nicht bei drei oder vier Mal und auch Tati machte, als sie aufwachte dort weiter, wo sie vor dem Schlafengehen aufgehört hatte. Auch das Anti-Kotz-Medikament, das uns Sandra, die auch in der Pension wohnt, gab, half rein gar nichts. Und überdies sackte mein Kreislauf auch immer weiter ab und mit der Zeit sackte mein Kreislauf immer weiter ab. Ich wurde komplett blass und schaffte es auch schon nicht mir wirklich gut wach zu bleiben. So entschied Sandra dann irgendwann am frühen Nachmittag uns ins Krankenhaus zu bringen. Und das war auch gut so, vor allem in meinem Fall (Tati hatte sich ja schon Abends von einer ganzen Menge “befreit” und daher ging’s ihr nicht ganz so schlecht, aber immer noch schlecht genug). Wir waren beide schon sehr dehydriert und ich hatte auch schon einige Schockerscheinungen. Der Arzt meinte auch, dass da wohl was in unseren Getränken drin gewesen war, denn alleine vom Alkohol könne das kommen (und so sehr übertrieben hatten wir es nun auch wirklich nicht), auch nicht von abgelaufenem Bier… Aber nach den Medikamenten, einem Liter Infusion und ein wenig Schlaf, während die Infusion sich ihren Weg bahnte, waren wir wieder halbwegs hergestellt, so dass wir nach Hause konnten.

Na ja, seitdem war ich auch nicht mehr wirklich auf einer Party hier, aber für die nächste(n) hab ich auf jeden Fall aus dieser Geschichte gelernt…

Dienstag, 2. Juni 2009

Die Praxisphase beginnt

In dieser meiner zweiten Woche hier, in der das Wetter sich wieder von seiner sonnigen, warmen, “brasilianischen” Seite zeigte widmete ich mich eher zu Hause den Büchern als in der Bibliothek, denn einige Bücher von Sidnei, die er mir geliehen hatte, wollten schnell wieder an ihn zurück gegeben werden.

Am Montagabend (18.5.) traf ich mal wieder Feli, diesmal aber zudem mit Nádia, (eine Brasilianerin, die mit Feli in der WG wohnt und die deutscher Abstammung ist und auch die deutsche Sprache mitgeliefert bekommen hat bzw. den Hunsrücker Dialekt, in den sie ab und zu auch mal ein portugiesisches Wort eindeutscht. Außerdem ist sie ein exzellentes Beispiel, dass nicht alle Leute die Informatik studieren Nerds sind und keine Ahnung vom “real life” haben), Johannes (ein anderer Deutscher aus Karlsruhe, der in Ijuí Verwandte hat und hier im Kinderheim Praktikum macht. Trotz der Verwandschaft hier spricht er aber (noch) kaum Portugiesisch (war auch erst seit einem Monat in Brasilien) und wenn, dann mit badenser Akzent hehehehe sehr lustig! So ist es mir zum Beispiel erst am nächsten nächsten Tag gedämmert, was es mit dem “Lahdakriannsa” auf sich hat, wo er arbeitet –> lar da criança [lar (das r bitte auch aussprechen) da kriahnssa] = Kinderheim) und Michael, einem Freund von Johannes und Studienkollege von Feli.

Am Dienstagmorgen (19.5.) hatte ich dann endlich mein erstes Interview und zwar in der COTRIJUI, der landwirtschaftlichen Kooperative / Genossenschaft von Ijuí. Dort hatte ich einen Termin mit Léo, der im Bereich Saatguthandel der Kooperative tätig ist und hierbei insbesondere für den Verkauf von Saatgut zuständig ist und der außerdem lange Jahre Nachbar und in der Kooperative auch Kollege von Walter, meinem Betreuer hier war. Meine Interviewkontakte bekomme ich hier alle über Leute, die ich kenne, die dann wieder jemanden kennen und so weiter. Ein bisschen doof, wenn man niemanden kennt, aber das kommt eigentlich nicht vor. Über ein paar Ecken findet man immer jemanden und die Leute sind hier eben auch einfach hilfsbereit. Und das informelle Kontakte Knüpfen hat noch einen Vorteil: Die Leute nehmen dich auf diese Weise sehr gerne in Empfang und sind noch hilfsbereiter.
Das erste Interview ist natürlich immer ein bisschen holprig, aber insgesamt war’s eigentlich gar nicht schlecht.

Ich bat Léo dann auch gleich mich mit einem Sojasaatgut produzierenden Landwirt in Kontakt zu bringen, was er auch prompt (wirklich prompt) tat. Und so traf ich mich am selbigen Nachmittag, wieder in der COTRIJUI, mit Cláudio. Der hatte aber etwas Zeitdruck und so unterhielten wir uns kurz (sehr sympathischer Herr) und vertagten das Ganze dann auf einen Tag an dem’s regnet. Klingt komisch, hat aber den Sinn. dass er an diesen Tagen nicht auf dem Feld arbeiten muss / kann und daher dann Zeit hat (bis jetzt hat’s dann immer nur am Wochenende geregnet und da wollte ich ihn nun auch nicht anrufen…)

Der Mittwoch war der Schönheit gewidmet: Ich ging mit Tati zur Friseurin (war langsam auch echt nötig…). Waschen, schneiden, föhnen und viele Haarpflegetipps für R$15 (ca. 5€)! Nur um meine Strähnchen am Ansatz nachzufärben, da wollte sie R$70 haben (ca 24€) und das noch ohne Färbemittel und da dachte ich mir dann, dass das mit ner Strähnchenpackung aus der Drogerie in Deutschland auch billiger geht.
Als die Friseurin mir sagte, dass für mich ganz so lange Haare nicht geeignet seien, weil ich so eine große Person sei und durch die langen Haare nur noch größer wirken würde, musste ich mir ein Lachen verkneifen. Das mit der Größe ist relativ und als groß werde ich nur hier erachtet, in Deutschland hingegen sogar als ein bisschen klein… Gut, aber ich fand auch, dass die Haare zu lang waren.
Insgesamt gibt es hier in Brasilien äußerst selten Friseursalons wie bei uns, mit mehreren Friseuren, mehr oder weniger schick eingerichtet etc. Zumindest hab ich noch keinen bewusst gesehen. Hier sind das meistens ganz kleine Lädchen oder die Leute machen es bei sich zu Hause, gestalten ihre Garage um oder bauen sich ein Häusschen in den Garten, so wie es bei unserer Friseurin der Fall war (was jetzt aber nicht heißen soll, dass ihr “Salon” nicht schick war, im Gegenteil!)

Joah, und am Donnerstag (21.5.) da hatte Tati Geburtstag und ich war nachmittags zum Kaffee mit den Nachbarn und Nachbarinnen eingeladen. Gut, das Tati von mir aus gesehen auf der anderen Seite vom Zentrum wohnt, denn so hatte ich noch Gelegenheit auf dem Weg zu ihr ein Geschenk zu kaufen. Gar nicht so einfach etwas für jemanden zu finden, denn man noch nicht mal 2 Wochen lang kennt. Aber mission completed :)

Apropos “auf dem Weg”: Ich glaube schon alleine durch die Strecken, die ich hier zurücklege, weil ich immer alles zu Fuß erledige, bräuchte ich schon fast kein Fitnessstudio mehr. Aber jetzt hab ich’s schon bezahlt und eigentlich tut es auch ganz gut nach einem ganzen Tag an meinem “riesigen” Schreibtisch sich zu bewegen!

So, und hier gibt’s jetzt noch ein paar mehr Bilder von meiner Pensao:

Das hier ist die Rua Henrique Knudsen, wo sich auf der linken Seite meine Pensao befindet (das Bild hab ich am Anfang der Straße stehend gemacht, ist also eine sehr kleine Straße)

07 Rua Henrique Knudsen Die Hauptstraßen in der Stadt sind alle schon und gut asphaltiert, aber die Nebenstraßen sehen eigentlich alle so aus, mit “Hacksenbrechern” gepflastert.

Das hier ist denn auch die rechte Seite der Straße; links das für die Region typische Holzhaus der “Oma”, der Mutter von Dona Ilse, die mit ihren 75 Jahren noch kräftig im Pensionsbetrieb mitarbeitet und zum Beispiel die Wäsche der Pensionsbewohner (zu sehen auf der Wäscheleine im Vorgarten ;)    ) bügelt) und rechts, weiter unten, die Pension selbst.08 casa da Oma e pensaoUnd das ist die Pension selbst. Die Zimmer befinden sich im dem 2-stöckigen Hintergebäude (oben die Jungs, unten die Mädels). Im vorderen Haus befindent sich das Wohnhaus der Familie, die Küche und der Speiseraum (da wo links die Glastüren sind und die Leuts auch gerade am Mittagessen sind). Das Originalhaus kann man nicht mehr sehen, denn der Teil mit Küche und Speiseraum wurde um das ursprüngliche Holz-Wohnhaus der Familie herumgebaut. D.h. beim Essen sitzen wir vor den Fenstern der Zimmer der Familie, wo auch noch die Fensterläden und sogar die Gitter dran sind.

09 pensao do Bosque

Und das sind Mara und ich. Mara wohnt nur zwei Nächte pro Woche in der Pension, ist Mitglied in der Theatergruppe der UNIJUI  und gerade dabei ihren Master abzuschließen (und ich musste ein wenig in die Knie gehen für das Foto. Soviel zu meiner “Größe” hehehehe)

10 Mara e eu

Mittwoch, 27. Mai 2009

Das erste (komplette) Wochenende in Ijuí

Mein erstes vollständiges Wochenende in meiner temporären Heimat habe ich, vorbildlich, mit früh Aufstehen und einen Spaziergang zum Campus, mal wieder in die Bibliothek, begonnen. Die Bibliothek hat samstags nur vormittags geöffnet und ich war an diesem Samstagvormittag auch so ziemlich die einzige Besuchern, zu allermindest die Einzige, außer den HiWis, die sich länger als 3 Minuten darin aufgehalten hat. Vielleicht lag’s daran, dass es da drin kalt wie im Kühlschrank war!? Na ja, zumindest hab ich durch meine konsequenten Nachmittagsbesuche der Bibliothek schon einen gewissen Grad an Bekanntheit erlangt und so wusste der eine HiWi, schon bevor ich ihm meinen Zettel mit den Codes, der Bücher, die ich brauchte, in die Hand drückte, dass ich das Deutsch-Portugiesische Wörterbuch wollte und holte es sogleich (…gut, er hat das Englisch-Portugiesische gebracht, aber das sieht auf den ersten Blick genauso aus, wie das Deutsch-Portugiesische). Also ich dann nach etwa 3 Stunden wieder aus der Bibliothek rauskam um mich auf den Rückweg zur Pension zu machen, wo es bald Mittagessen geben würde, war es draußen wesentlich wärmer als drinnen, so dass ich beim nach Hause Laufen wenigstens wieder einigermaßen auftaute.

Am Abend hatte ich dann volles Programm: Erst kam Sidnei mit seiner Frau vorbei und ließ mir einen Stapel Bücher, mit denen ich vielleicht was anfangen könnte, zur Lektüre da (sehr nett von ihm). Dann kamen als bald auch Tati und ihre Mutter vorbei gefahren, um mich abzuholen. Auf dem Weg zu Tati nach Hause statteten wir der Mutter einer Freundin von Tati noch einen kurzen Besuch ab (die Freundin von Tati selbst ist seit 1 oder 2 Monaten in Deutschland bei ihrem Verlobten), dann gab es schnell Abendessen, bevor wir dann auch schon los mussten zum Theater, wo wir uns ein Stück von Auto de Compadecido anschauten, aufgeführt von der Theatergruppe der UNIJUI (erfahren hatte ich von dieser Aufführung von Mara, einem Mädel, nein besser: einer Frau – schließlich ist sie schon 34 – die Mitglied in besagter Theatergruppe ist und 2 Nächte pro Woche in meiner Pension übernachtet). Das Stück war sehr amüsant. Es spielte im Nordosten Brasiliens, der einem von hier unten im Süden aus gesehen fast wie ein anderes Land vorkommt, und im Groben ging es darum wie ein paar $$$ doch die Gemüter ändern können. Mit ein paar mehr dieser $$$ in der Tasche hatte der Pfarrer auf einmal gar kein Problem mehr den verstorbenen Hund der Bäckersfrau auf dem Friedhof und mit lateinischer Litanei zu begraben, wogegen er sich anfangs aufs Äußerste gesträubt hatte. Ebenso sah auch der Bischof, als er um ein paar $$$ reicher war, kein Problem mehr darin. Und schlussendlich erwies sich sogar die Jungfrau Maria als bestechlich. Zu dem, dass das Stück gut und gut gespielt war, gewann das Theater noch einen Pluspunkt, denn dort drinnen war es schön warm :)

Nach dem Theater gingen wir denn in einen nahen Pub, wo man R$ 5 Eintritt zahlen musste, wo aber dafür bis Mitternacht Bier, Wodka und andere Späße umsonst waren (u.a. auch ein Cachaça mit Erdbeer. Sehr lecker, aber eigentlich hätten 2 Schluck davon gereicht, denn das Zeug war furchtbar süß).

Tati und ich im PubTati e eu

Im Pub trafen wir auch noch auf ein, zwei Studienkollegen von Tati (Tati studiert Maschinenbau, da hat sie also reichlich StudienkollegEN). Und da der Getränkefluss ab Mitternacht nicht mehr umsonst war, leerte sich der Pub gegen 00:30-1:00 auch recht spontan …da konnte auch der Sänger, der eine halbe Stunde zuvor mit seinem Programm angefangen hatte, nicht viel ändern. Irgendwie tat er mir leid… Tati und ich hatten noch nicht so die große Lust schon nach Hause zu gehen und so schlossen wir uns Diego [in Brasilien spricht sich das Dschi-ehgo], einem von Tatis Kollegen, an und fuhren mit ihm, seinem Bruder und einem weiteren Freund von ihm, zum Baile Gaúcho, einem Tanzball mit traditioneller, regionaler Musik auf dem Messegelände etwas außerhalb der Stadt. “Tanzball” hört sich für viele wohl nach Abendkleider etc an und, wie man auf obigem Foto sieht, waren wir nicht gerade damit ausgestattet, aber bei einem baile gaúcho ist das nicht unbedingt der Fall. Dort kommen durchaus nicht wenige Leute mit den Trachten des Gaúchos (des Mannes in Trachten) und der Prenda (der Frau in Trachten) , aber Pflicht ist das nicht, es waren auch sehr viele Leute in “normalen” Kleidern anwesend. Hauptsächlich geht es eben darum, dass auf diesen Bällen Gaúcho-Musik gespielt und Gaúcho-Tänze getanzt werden (hier versteht sich “Gaúcho” als generelle Bezeichnung für die Leute aus dem Bundesstaat Rio Grande do Sul).

Ein paar, nicht ganz so gut gelungene Impressionen vom baile gaúcho

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Und auch ich hab mich im Tanzen geübt und hab’s nach 1,5 Tänzen dann sogar hinbekommen. So schwer isses auch nicht, 2 rechts, 1 links

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Auf dem Baile Gaúcho lief ich denn auch noch einem anderem der HiWis aus der Bibliothek über den Weg. Tati war am Samstag zuvor mit ihm zum Unterricht in Panambi gefahren und hatte erzählt, dass sie abends eine Deutsche vom Busbahnhof abholen würde, und als er dann sah, dass ich in der Bibliothek das deutsch-portugiesische Wörterbuch benutzt hatte, dachte er sich schon, dass das dann wohl ich gewesen war, die Tati abgeholt hatte. Er fragte auch, was ich da eigentlich mache, dass ich soviel Zeit in der Bibliothek verbringe und meinte, dass es sein Traum sei, Praktikum o.Ä. in Deutschland zu machen und ob ich denn Fotos von Deutschland auf meinem Computer hätte, den ich immer in der Bib dabei habe usw. So verräterisch sind Wörterbücher ;)

Allzu lange blieben wir jedoch nicht, denn wir waren beide schon seit 6:30 morgens auf den Beinen (ich ja um in die Bibliothek zu gehen, Tati, weil sie samstagsvormittags eine Vorlesungs hat) und so fuhren wir nach 1,5 oder 2 Stunden wieder nach Hause, wo uns ein kuschelig …kaltes Zimmer erwartete… In jener Nacht hatte es zwischen 3 und 6 Grad (und die Häuser haben auch immer noch keine Isolierung), aber mit einem langen Schlafanzug, einem dicken Fleecepulli, Socken und 3 Decken konnten wir doch schlafen ohne zu erfrieren ;)

…und am nächsten Tag erwärmte die Sonne die Luft auch schon wieder auf angenehme 20 Grad :) Nach dem Ausschlafen nutzten Tati und ich die Gelegenheit und fuhren wieder zum Messegelände, denn dort fand an diesem Wochenende das Rodeo von Ijuí statt, anlässlich dessen auch der Baile Gaúcho stattgefunden hatte. Auf diesem Messegelände hat jede Ethnie, die irgendwann mal in die Region hier eingewandert ist, ihr Häusschen und zelebriert dort auf der Messe, die immer im Oktober stattfindet, ein wenig ihrer Ursprungskultur.

Hier z.B. das österreichische Haus

011 eu e a casa austríaca

Außer dem Rodeo an sich, das ich im Endeffekt gar nicht gesehen habe, gab es Aufführungen von Gaúcho-Tänzen bzw. eigentlich Wettbewerbe. Hier ein paar Impressionen:

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Das hier ist ein bisschen wir Schuhplattler über einer auf dem Boden liegenden Stange tanzen ohne diese dabei zu berühren und außerdem möglichst viel Imponiergehabe gegenüber dem Anwesenden Konkurrenten, mit dem man im Wechsel tanzt (ganz rechts im Bild), an den Tag legen.

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Das ist die Konkurrenz

Und das hier ist richtig gut
…und das hier ist die “Band”, die die Begleitmusik zu dem Ganzen spielte:

017 Gruppenpaartanzwettbewerb mit “Prendas” und “Gaúchos”, Gruppe aus der Stadt Panambi (dort befindet sich ein weiterer Campus der UNIJUI und dort studiert Tati auch größtenteils) – also ich bin ja Fan von den Prenda-Kleidern (im Allgemeinen). Die sind toll!

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Ist euch aufgefallen, dass das Mädel im blauen Kleid rechts im Bild hinfällt und ihr Tanzpartner ihr nicht mal hilft aufzustehen? (Tati und ich haben das erst auf dem Video entdeckt, bei der Show haben wir noch nicht mal gesehen, dass das Mädel hinfällt) …dabei ist das Ideal eines Gaúchos sehr “männlich” zu sein, wozu es auch gehört ein Kavalier zu sein. Gut, der hier hat das Ideal wohl noch nicht so verinnerlicht. Aber es mag auch daran liegen, dass es die Gruppe aus Panambi ist. Laut Tati, die ja dort studiert und teils auch dort wohnt, sind die Leute dort etwas sehr seltsam. Es gibt dort viele deutschstämmige Leute, die deren Vorfahren wohl zu Zeiten eingewandert sind, als man dachte, dass man sich etwas darauf einbilden könne blond und blauäugig zu sein und das hat sich wohl gehalten. NEU: Jetzt habe ich auch in einem Buch gelesen, dass Panambi 1899 von einem gewissen Hermann Meyer in einem weit vorgeschobenen Waldauslieger, also schön weit weg von den bereits bestehenden Kolonien, als ethnisch-einheitliche Musterkolonie mit dem Namen Neu-Württemberg gegründet wurde. Es handelte sich dabei um ein Kolonisationsprojekt privater Trägerschaft, das im Gegensatz zu den staatlichen Kolonisationsprojekten im Nordwesten von Rio Grande do Sul stand, die eine ethnische Durchmischung der Siedeler vorsahen. Die Bewohner aus Panambi mistrauen jedem, der nicht deutsch aussieht (dazu gehört zum Beispiel auch schon Tati…) und wenn die Person obendrein noch nicht mal aus Panambi kommt, dann ist sie wohl die Verkörperung des Bösen. Tati meinte, dass die Leute die Fensterläden schließen, wenn sie durch die Straße geht… Und einmal ist sie richtig heftig hingefallen, als sie aus dem Bus gestiegen ist, hat sich das Knie aufgeschlagen und ihre Hand blutete und die Leute, die drum rum standen haben einfach NIX gemacht., nicht geholfen, nicht nachgefragt, ob alles ok war, nichts. Sowas ist für Brasilien extrem untypisch! Also, echt seltsames Volk.
Da hat es uns allerdings auch sehr gewundert, das in der Tanzgruppe von Panambi eine Afro-Brasilianerin mitmachen “durfte”.

Die Gruppe aus Passo Fundo:

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Und die Gruppe aus Cascavel im Nachbarstaat Paraná:

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